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  • Lara

„Wir reißen die Mauern zwischen Generationen ein.“

- Philipp Köhler, Testimonial eines Digital Nativ.


„Cringe ist doch das neue Jugendwort.“ „TikTok? Ist das nicht die App, auf der Leute lustig tanzen?“ „Die Jungen haben einfach keine Lust mehr viel zu arbeiten.“


Der Austausch mit anderen Generationen ist oft unterbewusst. Wir schnappen in der Zeitung etwas auf, lernen aus der Interaktion mit unseren Kindern oder Eltern, oder übernehmen das, was wir von Freunden gehört haben. Schnell entstehen „Die-Label“.


Die wollen keine Bindung mehr an ein Unternehmen.

Die müssen alles auf Social Media posten.

Die können nicht mehr mit Schwierigkeiten umgehen.


Was wir leider vergessen: bei unserem Versuch andere Generationen besser zu verstehen, bauen wir eine Mauer auf. Wir suchen nach den Unterschieden. Und übersehen dabei das Wesentliche: dass wir im Kern alle die gleichen Sehnsüchte haben.


Seit drei Jahren bin ich bei Digital8.ai, gemeinsam reißen wir die Mauern zwischen den Generationen ein. Als mich mein Freund Paul damals fragte, ob ich Teil eines Reverse Mentorings sein will, konnte ich mit dem Begriff noch wenig anfangen. Mentoring kannte ich, aber was hatte das Reverse zu bedeuten? Was war hier umgekehrt?


Beim Reverse Mentoring werden die Rollen von Mentor und Mentee vertauscht.


Der Mentor hat in der Regel mehr Lebenserfahrung, die Führungskraft bringt der Nachwuchskraft bei, was sie für den Erfolg im Unternehmen benötigt und fungiert somit als Mentor. Beim Reverse Mentoring werden diese Rollen plötzlich vertauscht. Die Nachwuchskraft (Mentor) bringt der Führungskraft (Mentee) etwas bei und entführt diese in die eigene Lebenswelt.


Als ich mein erstes Reverse Mentoring antrat, war ich mir noch unsicher, ob eine gestandene Führungskraft so viel von mir lernen könnte. Ich kam gerade frisch von der Uni, hatte parallel paar Projekte ins Rollen gebracht, aber so gut wie keine Erfahrung in oder mit großen Unternehmen. Dass gerade diese Unterschiede, das Reverse Mentoring so wertvoll machen würden, begriff ich erst Monate später.


Das erste Treffen…


Beim ersten Kennenlernen ging es um die Rahmenbedingungen, die ein erfolgreiche Reverse Mentoring ermöglichen. Zusammen mit Paul betrat ich das Büro meines Mentees und er erklärte uns, wie wir die Mentorenbeziehung für den größtmöglichen Erfolg gestalten sollten. Dabei machen die alltäglichen Dinge bereits einen Unterschied. Dass wir uns duzen, dass ich als Mentor kein Blatt vor den Mund nehme (nichts lieber als das) und dass wir aus der gewohnten Umgebung ausbrechen. Nach der Einführung durch Paul wurden wir alleine gelassen und ich konnte meinen Mentee richtig kennenlernen – und selbstverständlich vice versa.


Oftmals mangelt es der Führungskraft an echtem Feedback, aber als externer Mentor braucht man kein Blatt vor den Mund nehmen.


Durch das Schildern der jeweiligen Werdegänge wurde schnell deutlich, was mein Mentee von mir erfahren will, in welchen Bereichen ich womöglich einen Informationsvorsprung habe. Wir sprachen über die Motivation für das Reverse Mentoring Programm, der Grund warum wir jetzt hier gemeinsam saßen. Mein Mentee hatte das Gefühl, dass junge Mitarbeiter sich oft nicht trauen ihre Vorgesetzten zu kritisieren. Immerhin bestimmt der/die Vorgesetzte über den weiteren Karriereweg. Dadurch mangelt es der Führungskraft zugleich aber an echtem Feedback. Ohne Samthandschuhe. Als Externer kann ich dieses Feedback geben ohne Angst um meinen Job zu haben. Deshalb kamen wir beim ersten Treffen auch direkt ins Machen. Mein Mentee zeigte mir ein Video, in welchem er vor der Kamera ein Programm für Führungskräfte vorstellte. Es war für das Intranet bestimmt und sollte Lust auf mehr machen. Machte es aber nur bedingt, denn spannend war es nicht. Ich sprudelte also los. Ich würde es vielleicht mit dem Einstieg probieren. Warum nicht ein paar Szenenwechsel? Gibt es eine Möglichkeit den Sachverhalt zu verbildlichen? Vielleicht noch den ein oder anderen Kollegen einbinden? Schnell war deutlich, wie dieses Video AUCH aussehen könnte, was anders sein könnte. Und mein Mentee und ich hatten den ersten Schritt gemacht, um in die Lebenswelten des Gegenübers einzutauchen.


Es trafen Welten aufeinander…


In den nächsten 6 Monaten sollten wir uns im Schnitt einmal pro Monat sehen. Wie wir die Treffen gestalten würden, war uns überlassen. Ich wollte meinen Mentee schnellstmöglich aus dem gewohnten Umfeld holen, sodass das nächste Treffen bei uns im Büro stattfand (damals noch im Co-Working Spaces des WeWorks an der Taunusanlage). Hier trafen Welten aufeinander. Während die Konzern-Büros grau, anonym und uninspirierend waren, traf der Besucher hier in der Eingangshalle auf einen Barista, buntes Mobiliar sowie auf Selbstständige, die ab 16 Uhr sich an der Bierzapfanlage trafen, während im Hintergrund das Ping-Pong der Tischtennisplatte zu hören war.


Das perfekte Umfeld, um Perspektiven zu verändern und zu zeigen, wie Arbeit auch aussehen kann.


Doch nicht nur das Umfeld unserer Treffen war in ständigem Wechsel, auch der Inhalt unserer Treffen unterschied sich von Monat zu Monat. Mal sprachen wir über soziale Medien, wie ich diese nutze und was meine Generation über Aspekte wie den Datenschutz denkt. Bei einem anderen Treffen hielt ich mich im Hintergrund auf und beobachtete die Führungskraft bei einem Team-Meeting. Anschließend gab ich Feedback:

• Welche Verhaltensweisen der Führungskraft waren mir aufgefallen?

• Hätte ich mich als Talent in diesem Meeting wohlgefühlt?

• Was ließe sich ändern?


Dadurch entwickelte das Reverse Mentoring seine eigene Dynamik – und mit steigender Anzahl an Mentorings – wurde mir deutlich, dass kein Mentoring so wie das vorherige sein würde. Dafür waren die Mentees zu unterschiedlich, ihre Wahrnehmung und ihre Herausforderungen. Eine Sache blieb jedoch bei jedem Mentoring gleich:

Ich verstand die innere Dynamik in den jeweiligen Unternehmen und Abteilungen von Treffen zu Treffen besser. Es zeichnete sich deutlich ab, warum der Arbeitsalltag des Mentees so anders war als mein eigener. Welche Strukturen im Hintergrund den Entscheidungsspielraum beeinflusste. Und inwieweit Veränderung möglich war. Sollten die Mentees von mir lernen, fühlte ich mich an einigen Stellen wie der Lernende.


Es entsteht eine Symbiose, in der beide Parteien voneinander lernen.


Dadurch war das Reverse Mentoring stets ein lebendiger Prozess, in welchem das gegenseitige Vertrauen zunahm, sodass der Abschied nie zu einem „Leb wohl“, sondern immer zu einem „auf bald“ wurde. Und die vermeintlich großen Klippen zwischen den Generationen, wenn man wirklich dem anderen zuhört, nur Spalten sind, welche mit der richtigen Ausrüstung problemlos überquert werden können. Denn mögen auch einzelne Aspekte wie die Mediennutzung uns deutlich unterscheiden, im Herzen sehnen wir uns im Berufsleben alle nach den gleichen Idealen: Sinnhaftigkeit, Wertschätzung, Mitbestimmung. Vielleicht müssen wir nur weniger in Oberbegriffen denken, und mehr zuhören. So wie in jeder guten Mentorenbeziehung.




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